Mittwoch, 12. November 2014

Lost & Found *

>>for the music, skip to the end!

Sa, 8.11.:
Es gibt sie wirklich! Gestern habe ich sie gefunden, eine der wenigen, eine der 1%, tief in den endlosen, wirren Gängen des Arbeitsamtes. Die eine fähige Sachbeabeiterin, die ehrlich, kompetent und verständnisvoll, doch leider, leider nur die Krankheitsvertretung von meiner eigentlichen Sachbearbeiterin war. Sie hat mir auch davon abgeraten, den Erzieher nachzuholen und extra dafür ein Praktikum zu machen (an dieser Stelle sparen wir uns die sinnlosen Regeln und Erklärungen, warum das Jahr, dass ich bereits in ner Kita gearbeitet habe, nicht anerkannt wird, ich hab mich schon genug aufgeregt). Mittlerweile gehen mir auch die Witze über Ämter aus. Immerhin, die Sachbeabeiterin hat sich mehr über meine Geschichte aufgeregt als sonst einer meiner Mitmenschen, die mir quasi zum Zuspruch verpflichtet sind. Ich hab mir vorgeschlagen, dass sie meinen Fall übernimmt, aber leider kann man nicht einfach Hartzer tauschen. Auch nicht Weihnachten beim Ramschwichteln, wo doch mal die schwer vermittelbaren Fälle auf den Tisch kommen könnten, das hat sie mir auf Nachfrage versichert.

Nunja, am Montag bin ich mal wieder bei meinem potentiellen Arbeitgeber und wir besprechen, "ob und wie es weiter geht." Ich mach mir keine großen Hoffnungen, wenn die Dame das schon so formuliert.
Zu tun habe ich trotzdem, hier mal Baby sitten, da mal putzen, und natürlich Nachhilfe geben. Irgendwann wird sich schon eine richtige Arbeit finden, jedenfalls ist meine Zuversicht gestiegen, antiproportional zu meinen sinkenden Ansprüchen.

Di, 11.11.
Hippie ist schon entspannt, nur nervt es, dass die ganze Welt um einen herum so unentspannt ist. Und dass sie scheinbar auch erwartet, dass ich da mitmache. Klar wäre es auch für mich einfacher, wenn ich höhere Ambitionen hätte, mein ach-so-tolles Praktikumszeugnis nehme und damit irgendeine Bürokarriere starte. Stattdessen will ich natürlich die Welt retten (und die will, wir ihr alle schon wusstest, gar nich gerettet werden).
Umso schwerer zu verkraften, wie viele Sachen bei mir grad aus dem Ruder laufen. Hätte ich nicht wenigstens eine harmonische Beziehung mit meinem Freund, würde ich endgültig den Rückzug aus dieser Gesellschaft antreten. In der WG liefs bis heut abend schlecht, beim Frisbee auch und Arbeit...

Achja, das Gespräch bei dem potentiellen Arbeitgeber am Montag lief merkelig. Also besser als erwartet, aber statt etwas konkreten wurden nur Möglichkeiten eröffnet. Mein Hippieherz freut sich nun darüber eventuell ab März in einem Projekt Kinder aus Familien zu betreuen, wo die Eltern Suchtprobleme haben. Mal sehen, was das Arbeitsamt dazu sagt. Und ob es überhaupt was wird. Immerhin, ein Lichtblick!

Und zugegeben, nachdem wir gestern Abend endlich mal ein klärend-konstruktives Gespräch in der WG hatten, bin ich total erleichtert! Es ist nicht eskaliert, ein Punkt für den Hippie, aber mein Pädagogenverstand zögert. Vielleicht ist ja gar nicht alles raus, was einmal kräftig rumbrüllen hervorgebracht hätte? Oder wir haben diesen Schritt einfach übersprungen... Wir werden sehen. Wie sagte schon Willy Mason: "Are we falling apart, or getting to the heart?" Es wird noch einige Gespräche geben müssen, wenn zumindest der gute Wille die mangelnde Ähnlichkeit der Ansprüche aneinander ausgleichen will. Ich muss vor allem lernen, meine Komfortzone zu verteidigen, um zu verhindern, dass mein übermäßiges Verständnis meine Belastbarkeit übersteigt (da is Hippie sein nicht-so-pro, auch wenn es vielleicht die Eskalation verhindert hat).
Ganz schön komplex die Sache, so ganz ohne eindeutigen Sündenbock, aber wenigstens bleibts spannend, und bisher konnte der schlimmste Streit zwischen meinen Mitbewohnern verhindert werden.

Mi, 12.11.
Achja, Menschen und ihre Egos, immer diese Kämpfe! Natürlich habe ich mit meinem Ego auch zu tun, es hat ganz schön aufgeschrien, als ich hintenrum mitbekommen habe, dass ich nicht zum Trainerstab gehöre für die nächste Frisbee-Saison. Da war mein Engagement vergangenen Sommer wohl nicht so gut angekommen... Wenn ich nicht schon so fertig gewesen wäre, hätte ich es nicht so schwer genommen, außerdem hätte mir mal jemand eine ehrliche Meinung sagen können. Natürlich hatte ich auch zu hohe Erwartungen, ich wollte gleich das ganze System im Verein revolutionieren, mehr Spirit, offenerer Umgang mit neuen Spieler, so viele Ideen. Geduld ist in diesem Falle nicht meine Stärke.
Jetzt heißt es erst mal Abstand nehmen, meine überschüssige Energie der Arbeitslosigkeit woanders investieren. Wozu auch stur auf etwas zuarbeiten, das die Masse gar nicht will, führt nur zu Enttäuschungen. Die Zeit war eben noch nicht reif.

Wer umfällt darf ruhig eine Weile auf dem Boden liegen, ein wenig mit den Fäusten hämmern und über die böse Welt schimpfen. Nach den letzten Wochen der Verzweiflung kehre ich also einigen Sachen den Rücken, dafür kehrt meine positiv-zuversichtliche Energie zurück und ich höre wieder Musik. Verdammt gute Musik.

~~~

Finally, a new soundtrack for the fall, or my fall of recent times. But times do get better in the end, they always do. This time I added the origin of the bands, since I miss traveling a lot! The extra track is blocked on youtube in Germany, hence the extra link.



1. The Heartless Bastards (US) - Low Low Low: save the best for the start
2. The Shins (US) - A Comet Appears: classic. great. found by Linda
3. Willy Mason (US) - Shadows In The Dark: haunting and promising, found on KCRW
4. Fink (UK)- Looking Too Closely: there's still some pop music with truth not to deny
5. Local Natives (US) - Airplanes: is it sad? is it happy? it's good.
6. The Head And The Heart (US) - Down In The Valley: my hopeless weakness for guitars, and fading memories of Calfinornia and Portland
7. Glen Hansard (IRL) - Love Don't Leave Me Waiting: great to see what has become of The Swell Season
8. Lou Doillon (F) - Devil Or Angel: gotta love the new French pop style!
9. The Lions (US) - Padre Ichiro: awesome melancholy with a smile, a heavy heart and a smoke
10. Jazzbo (GER) - Inez: almost my mum's name, from Germany, and great tune. hui!
11. Jack White (US) - Alone In My Home: I don't know what he's doing but I like it
12. Shakey Graves (US) - Dearly Departed: more about ghosts, more haunting talent!
13. Toussaint Morrison (US)- Baby, Im Bad Weather: one big advantage being unemployed is discovering new cool music every day
14. Miike Snow (SWE) - Animal (Mark Ronson remix): Ohrwurm!!!
15. Nimmo And The Gauntletts (UK) - Jaded: time to move, best on bicycle!
16. Gypsy And The Cat (AUS) - Sorry: from the same album as 'Bloom'
17. Little Comets (UK) - Jennifer: so fresh, so great, so smile and sing!
18. Rusted Root (US) - Send Me On My Way: simply happy.
19. Finley Quaye (UK) - Your Love Gets Sweeter Every Day: my choice for the MainHATtan soundtrack, that was great fun!
20. Grafitti6 (UK) - Free: knowing the walls around me, I feel a little more free now.
x. The Belle Brigade (US) - Miss You In My Life: a soft tune in the recent storms [link]

Donnerstag, 9. Oktober 2014

die lehre der leere

wir stellen uns folgendes vor: man sitzt schön beim essen in einem guten restaurant, nicht chic, aber niemand putzt sich hier die nase mit stoffservietten. es ist das erste mal in der heimat des neuen freundes, eltern kennengelernt, alles paletti. tutti frutti. no problemo. überraschenderweise, muss ich fast sagen. denn wie alles gerade glatt geht, ich gewaschen und mal nicht chucks und nicht mein einziges paar jeans tragend (das genau in im schritt aufgerissen ist - vom fahrrad-fahren!), kommt mein gen-defekt wieder raus. vielleicht hätte ich große teile meiner kindheit nicht mit privatfernsehen verschwenden sollen, oder den alkohol-konsum bremsen als ich im studium mehr toiletten umarmt habe als bäume. jedenfalls gibt es diesen moment, wo ich es immer wieder schaffe, meine mitmenschen darin zu erinnern, wie sich fremdschämen anfühlt. wo ich eine wohlgekleideten situation den rock hochreiße.
nach dem apperetif, fragt die freundin der eltern, sehr nette dame, in ihrer fröhlichen art: "du studierst also noch?"
ich, etwas weniger fröhlich, wohl wissend worauf das hinausläuft: "nein, ich bin schon fertig."
sie, weiß es leider nicht: "ah, und was machst du jetzt?"
ich: "hartz 4."
die mutter nebenan verschluckt sich am wein.

tja, es ist schon zum kotzen, sagen wir es mal so.
heute bin ich aufgewacht, das erste mal ca. 8 uhr, als mein freund in die uni geht. den tempel des wissens, voller möglichkeiten, umweht mit dem duft der zukunft, aber solide stehend auf den errungenschaften der vergangenheit. ich schlafe wieder ein, träume von leuten mit ninja-wurfsternen und babys, die auto fahren. (bin leider aufgewacht, bevor ich sehen konnte, ob der einjährige besser einparkt als ich)
werde vom staubsauger meiner nachbarn geweckt, 12.30 uhr. die sonne scheint. diese kombination macht das aufstehen noch schwerer... wieder ein vergeudeter tag.
nach 2 kaffee und 2 folgen einer sinnlosen, realitätsfremden amerikanischen sitcom (vorsicht pleonasmus!), überlege ich eine weile, an welcher kreuzung auf dem weg zu meiner karriere, nein, halt! auf dem weg einfach zu einer arbeit ich falsch abgebogen bin... werfen wir doch mal ein blick in den spiegel um der sache auf den grund zu kommen. dieser zeigt ein etwas verwildertes äußeres, verdammte haare, zudem trage ich ein grünes shirt und eine grüne hose, aber das lag eben oben auf dem wäschehaufen und ich musste heute auch noch nicht aus dem haus.
dennoch, so scheint mehr, ist doch da potential! ich habe immer hin ein geisteswissenschaftliches studium erfolgreich abgeschlossen, also beim ersten versuch und ohne vollkommen dem zynismus zu verfallen. ich habe von fremden kulturen gelernt, besonders wie fremd mir meine eigene ist, und schon die ein oder andere schwierigkeit überwunden im leben, und sei es nur in einer 4er wg ein sauberes messer zu finden. ich bin motiviert...ungsfähig, emphatisch und irgendwie noch jung! also warum zur hölle, frage ich, sitze ich daheim gammle rum? sende eine bewerbung nach der anderen, wobei 50% mehr fürs gewissen sind, aber 25% eh niemals beantwortet werden,tja, und der vielversprechende rest wird dann vom jungendamt erledigt.

natürlich tue ich auch etwas, versuche der lethargie zu entfliehen, mich zu engagieren, sport zu machen (habs immer hin zur damentrainings-mitverantwortlichen geschafft), und gebe immerhin nebenbei regelmäßig englisch-nachhilfe, um wenigstens etwas dazu zu verdienen. aber es ist deprimierend. zumal hartz 4 eben nicht gechillt zu hause rumsitzen bedeutet, man hat seine seele ans amt verkauft und muss ständig auf der hut sein, ein schlechtes gewissen haben und sich immer wieder fragen, wie lange man noch gesellschaftlicher schmarotzer sein will.
und an tagen wie heute will ich einfach meine 7 sachen packen, und sagen: tschüß dann! echt nett, dass ihr mir monat für monat geld in den hintern schiebt, zum glück gibts da so ein gesetz, aber warum muss ich dafür unbedingt jeden kack job nehmen, den sich irgendein ausbeuter ausgedacht hat? gerne hätt ich meine freiheit wieder, kostet nur 160€ FREIWILLIGE krankenversicherung im monat. komisch, meine reiche tante is noch gar nicht gestorben.

kommen wir also zum dem schluss, dass jeder in diesem land entweder einen job hat (egal welchen) oder einen finden muss. koste es, was es wolle, verstand, würde, oder eben 160€ kautionsgebühr. natürlich ist man ja frei zu gehen, also in europa zumindest.

an dieser stelle läuft "born to move" von ccr, mir tut der rücken weh vom vorm computer sitzen und ich bin genervt von meinem eigenen erbärmlichen ersprochenen hier. warum nicht einfach in ein neues bundesland ziehen und da als erzieherin arbeiten? mir wurde mehrmals versichert, da würde man mich mit kusshand nehmen. oder zur bahn, von der ich ein tolles praktikumszeugnis bekommen habe? tja, welches opfer soll ich bringen?
vielleicht einfach auf ein wunder warten, hoffen, dass der letzte arbeitgeber sich nochma meldet und sagt, 'der anwalt gegen das jugendamt war erfolgreich! sie können anfangen!'
oder doch das land verlassen...
just a thought.

Donnerstag, 14. August 2014

es tut mir leid

Das Auf und Ab im Leben ist doch immer das gleiche, ich geh kaputt. Auf ein paar Tage absolute Zufriedenheit über endlich gefundene Lösungen sämtlicher wichtiger Probleme, folgt so sicher wie die Flut an Rechnungen auf die Ebbe aufm Konto... richtig: die nächste Katastrophe. Und die kommt doch so gern in Begleitung ihrer Großfamilie der kleinen Nervereien. Aber eins nach dem anderen, schön durcheinander...

Was macht ein Arbeitsloser vor 9 Uhr morgens auf der Straße, wenn die Nacht vorher keine Party war und man nicht auf dem Weg vom Club nach Hause ist? Richtig, man hat einen Termin beim Arbeitsamt. Den ich eigentlich abgesagt hatte. Weil ich dachte, ich habe einen Job. Warum habe ich immer noch keinen Job? Richtig, weil ich dumm bin! Die Geschichte geht so:

Auf eine Bewerbung von Ende März meldet sich Ende Mai ein sozialer Verein und lädt zum Bewerbungsgespräch, was total entspannt verläuft, der Job stellt sich als anstrengend heraus, aber ist Teilzeit, gut bezahlt und mit Rad erreichbar (aka Traumjob), ich krieg die Zusage, krass geil. Hole den Arbeitsvertrag ab,werde für Dienste ab 15.7. eingeteilt, meine ersten Schichten! Zwei Tage später dann die Email:
"...wir können Ihre Einstellung nicht wie geplant durchführen. Obwohl mit dem Jugendamt verhandelt, sind uns Kürzungen in den Personalkosten auferlegt worden, die zur Zeit keine Einstellung möglich machen.
Wir haben in dieser Nacht hin- und her gerechnet, können jedoch nicht abschätzen, wann eine Personalerweiterung machbar wäre. Ich muss Sie daher bitten, sich wenn möglich bis Oktober/November zu gedulden. Ich würe auf alle Fälle mit Ihnen im Kontakt bleiben.

Es tut mir sehr leid."


Ich. Hasse. Das. Jugendamt.
Es gab sehr, sehr viele böse Gedanken einem gewissen Amt mal auf den Tisch zu sch***en, und ich wache manchmal noch auf und denke, warum nur? Wieso immer ich? Doch im Grunde bin ich darüber hinweg. Das Universum will nicht, dass ich arbeite, das muss ich akzeptieren und nun meinen Urlaub für September planen.
[Ende der unendlichen Geschichte, wie ich immernoch keinen Job habe.]

Heute morgen, ein wenig verspätet düse ich über die morgendlichen Dresdner Straßen, rote Ampel, schade, drüber, schneller, schneller, denn was passiert eigentlich, wenn ich zu spät komme? Wird mir pro Minute ein Prozent vom ALG gestrichen? Das ist das eigentliche Krux von Hartz 4, in irgendeinem Gesetzbuch stehen sicher diese Regelungen, aber am wichtigsten ist, dass man weiß, Gelder können gestrichen werden, wenn man sich nicht an die Regelungen hält. Das hat man ja auch unterschrieben und dabei genauso verstanden wie alle Allgemeinen Geschäftsbestimmungen, bei welchen man immer 'Akzeptieren' klickt und denkt: wird schon nichts schlimmes drinstehen.
Nach all den nicht vorhandenen Interaktionen mit meiner Betreuerin war ich sehr aufgeregt, sie diesen Morgen kennenzulernen. Eine Frau, die sich nie persönlich bei mir gemeldet hat, egal wieviele Nachrichten ich ihr geschickt hatte. Eine Frau, die mich zum Glück auch die meiste Zeit mit Jobvorschlägen verschont hat und wenn dann manchmal dabei sogar eine Spur Sarkasmus zeigte, als sie mich als Ausbilderin für Erzieher einsetzen wollte, und das nachdemich den Erzieher-Job verloren hatte. Eine Frau, die vielleicht ein wenig dumm ist.
Pünktlich 10 Minuten vorher sitze ich vorm Büro und lese in Ruhe mein Buch, keine Erwartungen, kein Stress. Eine Dame steckt nach einer Weile ihren Kopf aus dem besagten Eingang und fragt, zu wem ich wöllte. Na zu ihr! Aber ich hätte doch abgesagt? Ja, aber in meinem Online-Profil steht der Termin noch und ich hab ne Erinnerungs-SMS bekommen (ohja, so modern ist das Arbeitsamt! ob man sich auch per FB benachrichtigen lassen kann, weiß ich allerdings nicht, aber ne App gibts schon!). Nach der kurzen Verwirrung  beschließt die Dame gütigerweise, mich ins Zimmer ein- und das Gespräch doch stattfinden zu lassen. Sie hat den Luxus eines eigenen Büros, sehr aufgeräumt, mit ein paar persönlichen Sachen, aber sehr gesittet. Sie selbst sieht aus wie Elisabeth Meinhardt aus GZSZ (bitte fragt nicht...!) und ich merke schnell, sie ist sehr freundlich. Aber auch ein wenig dumm. Ich hatte schon morgens beschlossen, meine Strategie der Konfrontation mit Fragen wie: "Warum antworten Sie nie auf meine Nachrichten? Oder Anrufe? Warum schicken Sie mir so doofe Jobangebote?" zu ändern in pure Freundlichkeit. Der Hund beißt nicht in die Hand, die ihn füttert. Und die nette Dame hört mir auch gar nicht richtig zu, sie muss erstmal begreifen, dass ich doch keinen Job habe, obwohl ich es dem Amt vor Wochen mitgeteilt habe, denn es steht noch nicht in ihrem PC. Ich versuche sie zu erklären, die ganze sinnlose Geschichte, aber die Frau ist mit Tippen beschäftigt und ruft lieber einen Kollegen an, da sie meine Brief nicht erhalten hat. Nachdem das verdaut ist, fängt sie sofort an, nach Jobs für mich zu suchen, klickt in der Jobbörse herum und rattert irgendetwas mit "Hier könnten Sie's ja ma probieren..." herunter. Als Arbeitsvermittler ist sie jetzt richtig in Fahrt und klickt und druckt, was das Zeug hält, unabhängig davon, was ich davon halte. Meine Stimmung schlägt von erwartungsvoll und leicht amüsiert in Schnauze voll und mächtig desillusioniert um. Falls ich je gedacht hatte, dass ein Betreuer dazu da ist, gemeinsam mit mir den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit anzugehen und einen Job passend zu meinem persönlichen Profil zu finden, dann war das nur ein Beweis für meine Naivität. Der Frau kann man nur bedingt einen Vorwurf machen, wenn sie doch die halbe Zeit damit beschäftigt ist, der Post hinterher zu rennen, die beim Leistungsteam xyz hängengeblieben ist, oder genau wie ich irgendwelche automatischen Emailmitteilungen der Hauptstelle zu entziffern. Mein Blick bleibt am bleischweren Himmel draußen hängen und ich versuche erste Verzweiflungsgefühle zu unterdrücken. Anfangs war es einschüchternd aber immerhin witzig, sich auf das Arbeitsamt einzulassen, aber nun ist es nur noch ... ein wenig wie damals als Pflegekraft die Windeln wechseln im Behindertenheim: man weiß jedes Mal mit Sicherheit, dass man sich auf einen Haufen Scheiße eingelassen hat.
Immerhin ist das Gespräch keine Zeitverschwendung, ich werde ein paar Fragen los und bekomme Infos, wo ich zu meinen Fragen mehr Infos finde, denn wie man als Pädagoge in Sachsen Erzieher wird, kann meine Freu Betreuerin mir auch nicht sagen. Kurzer Abschied und ich bin auf dem Weg nach draußen, noch kurz eine halbe Stunde anstehen um ein Formular für den Nebenverdienst abzugeben, und endlich weg aus dem Bunker. Kurz frage ich mich, in was für einen Land wir eigentlich leben, wo die Logik auf allem außer Menschlichkeit basiert, aber wir wissen alle, die Antwort liegt irgendwo am Grunde eines Bierglases. Stattdessen rauf aufs Rad, Ohrstöpsel rein, Gegenwind standhalten, und da ist auch die Sonne! Für den kurzen Moment als Edward Sharpe in der Playlist auftaucht, fühle ich mich wie damals an dem kalten Morgen in Kalifornien, bin ganz weit weg. Wird schon alles gut werden, muss es ja.

Aber die Geschichte ist noch nicht ganz vorbei. Eine kleine Pointe hat das Leben in der Interaktion mit meiner Betreuerin noch bereitgehalten. Ich habe von ihr kurz nach dem Termin heut Morgen eine Email erhalten:
"ich nehme Bezug auf das mit Ihnen geführte Beratungsgespräch. Ich habe im Nachgang festgestellt, dass Sie seit Mai 2014 im Zuständigkeitsbereich vom Team  Integration XYZ ( Postleitzahl 01097) wohnen. Ich bin verpflichtet Sie in das Team XYZ abzugeben.
Unser heutiger Gesprächsinhalt wird von mir dokumentiert. Für alle künftigen Fragen wenden Sie sich bitte an Team XYZ.
Das Leistungsteam ZYX ändert sich nicht. Das tut mir leid."
 

Na dann bin ich ja ma höchst gespannt auf meinen nächsten Betreuer. Und bis der sich meldet, bete ich, dass der Anwalt des Vereins wo ich arbeiten wollte gegen das Jugendamt gewinnt und ich doch noch meinen Job kriege. Oder für den Zusammenbruch des Kapitalismus, das geht auch.
Oh, und sorry, wenn ich jemanden dumm genannt habe. Das tut mir leid.

Mittwoch, 18. Juni 2014

Sommerfarben

Oh wie schön das Leben ist, wir habens schon immer gewusst. Tagein, tagaus gesund zu sein, ein Dach überm Kopf und den guten Käse (Sonderangebot!) im Kühlschrank. In letzter Zeit wars wirklich einfach sich wohlzufühlen, frei zu sein und gleichzeitig in guter Gesellschaft. Dass mein Vater kurz im Krankenhaus war und mein Bruder überfallen wurde, hat mir Sorgen bereitet, zumal die Dinge bei mir auch nicht immer glatt liefen, aber irgendwo gehört das ja zum Leben dazu, und so lange am Ende alles gut ist - also mal angenommen heute ist das Ende - gibt es keinen Grund zur Beschwerde.

Nach einem entspannten Morgen mit Kaffee und Musik vorm offenen Fenster und einem interessanten Gespräch über Fernreisen mit meinem neuen Mitbewohner, sitze ich das Briefeschreiben unterbrechend und mir den Spinat-Feta-Pie von gestern gönnend so in unserer Chill-Ecke, als mir plötzlich der Duft von weit entfernter Freiheit um die Nase weht. Was bleibt ist Melancholie. Der graue Schleier nach all den Schwarz-Weiß-Fotos an meiner Wand, bis der nächste Sommerregen ihn wieder abwäscht. Eine grundlose Traurigkeit, die wie ein tiefes Seufzen nach außen strömt, wo ich sie erstaunt ansehe und frage: nanu, was tust du denn hier?

In Frankfurt hatten wir einen Frisbee-Trainer, der im wirklichen Leben im Zoo arbeitete und uns einmal auf einen Rundgang einlud. Als entschiedener Gegner vom Konzept, Tiere in Gefangenschaft zu halten, war das für mich ein interessantes Erlebnis, aber er konnte mich sogar davon überzeugen, dass es den Tieren auf Grund all der gesetzlichen Auflagen im Zoo besser ergeht als in der Wildnis, wo man gefressen werden, verhungern oder Wilderern zum Opfer fallen kann. Außerdem durften wir irgendeinen exotischen Igel mit Namen 'Martina' streicheln, wenn schon das Elefantenreiten wegen Mangels an Elefanten ausfiel, also ein guter Tag.
Mittlerweile sehe ich die Dinge wieder anders. Nun weiß ich ja nicht, wie es um die Gemütslage von Tieren steht, ob so ein Zebra lieber in der Wildnis frei aber dafür in ständiger Gefahr leben würde, oder ob es völlig zufrieden damit ist, sich den angekarrten Wüstensand zusammen mit dem Feinstaub einer Großstadt um die Nase wehen zu lassen, solange es regelmäßige Mahlzeiten erhält. Aber ich bin nunmal kein Zebra (auch wenn ich heute witzigerweise einen schwarz-weiß-gestreiften Pulli trage), sondern sehr freiheitsverliebt, und ich würde körperlich und geistig eingehen, egal wie bequem das Leben in Gefangeschaft wäre. Für jede denkende, fühlende und sich ums eigene Bewusstsein bewusste Seele müssen Grenzen eine Qual sein, die Frage ist nur, wo man sie zieht.

Ist mir das bequeme Leben in Deutschland schon wieder zuviel? Der Sommer kam und wehte die schweren Gedanken vom Jahresanfang einfach weg, und es ist kein Lichtjahr übertrieben zu behaupten, dass ich glücklich bin. Und dennoch gibt es Momente wie diesen, wo die ungeahnte, vergessene Freiheit kurz aufglimmt und eine derart tiefe Sehnsucht in mir entfacht, dass ich alles stehen und liegen lassen und sofort aufbrechen will.
Und noch während dieser Moment andauert, läuft im Internetradio zufällig Cat Power, und es ist wirklich schwer nicht an das Universum und seine Energien zu glauben.




hör mir zu, geh nicht diese Straße entlang
die hat immer ein Ende
komm und sei frei, du weißt wer ich bin
wir sind einfach lebendige Menschen

wir werden nichts besitzen
damit haben wir auch nichts zu verlieren
wir können alle frei sein
vielleicht nicht durch Worte
vielleicht nicht mit einem Blick
aber durch deinen Geist



PS: An dieser Stelle möchte ich meine gute Freundin Ulli grüßen, die gemeinsam mit ihrem Mann und zwei Motorrädern für ca. 1 Jahr von Nord- nach Südamerika brettert. Alles Gute und möget ihr die Quizfragen der Bären richtig beantworten! Hier berichten sie live von der Reise.


Mittwoch, 14. Mai 2014

Wirrwahr



Ich habe keine Probleme, nur momentane unbequeme Übergangssituationen, die es auszusitzen oder zu verändern gilt. Motten in der Küche, laute Musik von nebenan, inoffiziell noch gar nicht als Mieter bestätigt, in der Regel kein Problem, aber vom Gesamtkonzept her drückts im Hinterkopf. Ich kann die Uhrzeit immernoch nicht an den vorbeifahrenden Zügen draußen vorm Zimmer ablesen, habe aber schon mit offenem Fenster geschlafen. Der Sommer kann kommen.

Wie lange bin ich eigentlich schon dem Sinn des Lebens hinterhergerannt und hab den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehn? Nichts ist wahr, aber alles war. Und da meine Realität gerade in sanftere Gefilde wandelt, habe ich plötzlich mehr Energie. Nichtstun schadet nichts, bringt mir aber auch nichts, mich höchstens um den Verstand. Dann werde ich eben wieder Englischlehrer, verbringe angenehme Gesprächsmomente mit meinem Mitbewohner zwischen Tür und Angel/ gestern und heute, die meiste Zeit natürlich wieder beim Frisbee, und gedanklich sorge ich mich um meinen ausgedünnten Aktivwortschatz und schräge Verbalisierungen. Aber wer vorm Einschlafen Hans Magnus Enzensberger liest, braucht sich nicht zu wundern, so könnte man das verbeispielen.

Es ist gewagt sich über das Leben zu beschweren, angesichts all der Möglichkeiten. Vier Himmelsrichtungen sind immer noch drei zuviel, aber auch wenn der Kopf so verstopft ist wie die Lüftung meines Laptops und mich mir versuche ein Meeresrauschen vorzustellen um nicht auszuflippen, dann kann ich auch gleich das Fenster aufmachen und den Zügen lauschen. Kann es tatsächlich sein, dass ich mir nicht traue, das anzustreben was mich wirklich glücklich macht, wenn dessen Erreichen das Ende meines Strebens bedeuten würde, bzw. dessen Nichterreichen nicht akzeptabel ist? Zu kompliziert diese Gedanken, da fällt mir ein, dass wir den Balkon bepflanzen wollten.




Die letzte Zeit sah sehr sehr gut aus, nett um es übertrieben zu formulieren, und in Stichpunkten ausgedrückt:

* Berlin ist noch viel großartiger, grüner, hipsterer und durchgeknallter als ich es in Erinnerung habe. (Geschichten und Fotos folgen zum Thema "Hawai'i Revival und das grüne Geschenk des Universums"!)
* In Polen am Fr und Sa den Sieg holen, am So durch die Tiefen der Niederlage angesichts gescheiterter Erwartungen waten und am Ende mit der Gewissheit gestärkt nach Hause fahren: die Schlacht war verloren, aber jetzt kennen wir den Gegner. Meiner heißt Rückhand.
* Zum positiven Kahlschlag in einer sozialen Gruppe ansetzen bedeutet nicht nur neue Freunde, sondern auch vermehrte Abende an denen ich abwaschen muss. Die Vorteile überwiegen und zum Leidwesen des Teils in mir, der gern als Erzieherin gearbeitet hätte, will ich nicht mehr aus Dresden weg.
* Selbstdiziplin war noch nie meine Stärke, aber wenns um das Einhalten meiner Faulzeiten geht, bin ich sehr strikt. Andererseits, wenn der Kaffee nicht mit einem Schluck Morgen beginnt, könnte der Tag kompliziert werden.

So viel aus dem Leben einer Arbeitslosen.
Prost! (auch wenn ich das nüchtern geschrieben habe) - Keep the music running!




Und zum tanzen:

Mittwoch, 16. April 2014

ich glaub mein Schwein pfeift

Ist es nicht wundervoll wieder in Deutschland zu sein?
- Oh oh. Gleich der erste Satz trieft vor Sarkasmus, na das kann ja heiter werden!
Jedenfalls freu ich mich wie ein Schnitzel über die blühenden Kirschbäume, mal auf der Straße ungestört ein Bier trinken zu können und mit welcher Zuverlässigkeit man hier regelmäßig in den Wahnsinn getrieben wird. Das Leben in unserer großartigen, zuverlässigen und friedlichen Heimat ist eine schier unerschöpfliche Quelle an Hindernissen auf dem Weg geradeaus in den Tag hinein. So gestaltet sich der Versuch ein WG-Zimmer zu mieten nicht weniger abenteuerlich als in Nepal mit dem Bus zu fahren.
- Oje, jetzt kommen wieder die Reisegeschichten. The grass is always greener...
Natürlich hab ich vollstes Verständnis, dass der Vermieter sich absichern will und dafür eine 'freiwillige' Selbstauskunft (es darf an dieser Stelle auch laut gelacht werden), Gehaltsnachweise, eine Schufa-Auskunft, eine Kopie des Personalausweises und natürlich eine Bürgschaft braucht, natürlich auch vom Bürgen die Schufa-Auskunft, Gehaltsnachweise und Kopie des Personalausweises. Und natürlich wird, wenn ich die ganzen Unterlagen ausdrucke, unterschreibe und hinschicke und eventuell (!) ein Nachtrag geschrieben werden kann, im Vorraus 22€ Bearbeitungsgebühr fällig, selbst wenn sie mich als Mieter ablehnen.
- Jup. Bei solch einem Gespräch mit der jungen, aalglatten Immobiliennazitussi kommt der Blutdruck so in Schwung, da muss mir auch kein Kaffee mehr angeboten werden. Und wenn dann Sätze von ihr kommen wie, "Wir sind ja nicht die Bösen.", braucht man auch kein Selbstbeherrschungsseminar mehr.
Und was kann man dagegen tun? Genau, außer nicht einziehen, nichts. Die machen die Regeln, ob gesetzlich ok oder nicht (das mit dem Perso beim Bürgen ist ungesetzlich), wenn man nicht mitspielt dann wird man eben als Mieter nicht akzeptiert. Und da ich im Grunde schon eingezogen bin und mir sowohl die Wohnung als auch mein neuer Mitbewohner Phil voll gut gefällt, werde ich wohl mitspielen müssen. Achja, Linda zieht auch bald ein, coolio! Jetzt heißt es, auf die positiven Dinge konzentrieren!

Auch wenn es vel einfacher wäre, in Hawaii im Dschungel zu leben, wo man von ner Kaution noch nie gehört hat, ja wo es noch nicht mal Türen und Fenster gab, bin ich nun mal hier und mache das beste draus. Wozu gegen Windmühlen kämpfen? Der Staat und seine Gesetze sind so voller sinnfreier Vorgaben, das kann man unmöglich persönlich nehmen. Und am Ende muss man sich auch daran erinnern, dass Vermietung und Konsorten alle nur mein Bestes wollen. Mein Geld.

Solange es nur das ist... Wer nicht viel hat, dem kann nicht viel genommen werden.

Ich sollte lieber im Training sein und mir den Frust von der Seele cutten, aber solange ich noch huste und draußen russischer Frühling ist, beschränke ich die Fahrradfahrten lieber auf Besuche bei Oma, wo neue alte Vorwürfe zwischen zwei Bissen Torte gar nicht mehr so bitter schmecken. Dann klopfe ich auf mein kleines Wohlstandbäuchlein und weiß, es geht mir gut. Und meine Oma weiß netterweise anzumerken: "Ach was, der war auch schon mal dicker!" Ich glaub mein Schwein pfeift.

Gleich ist Ostern, Feiertage! Schluss mit jammern, soll doch die Welt verrückt spielen, ab jetzt verwende ich meine Energie statt fürs Aufregen lieber zur Herstellung von Eierlikör. Die Liste der zum Wochenende eintrudelnden Freunde verheißt lange Neustadt-Nächte und demnächst legendäre Lagerfeuergeschichten. In Hinterkopf schwirren noch ein paar einsame Stunden mit einer Tasse Tee am Fenster, wo ich gedankenverloren beobachte wie die vorbeifahrenden Züge die Regentropfen an der Scheibe kreuzen. Meine Gedanken schweifen schemenenhaft zur Reise letztes Jahr und verlieren sich allmählich wie ein loses Polaroid zwischen den Seiten eines Fotoalbums. Der Nährboden für Sorgen ist groß dieser Tage, und dennoch sind die wirklich wichtigen Dinge in Ordnung, der Arsch am rechten Fleck, und bevor ich noch den Kopf verliere, leg ich mich lieber ne Stunde auf ne Wiese und schalte den Frühling an im Kopf!
- Oder zumindest die Musik in meinem Zimmer.

Montag, 24. März 2014

Geschmack ohne Grenzen

Nach allerlei Tiefen und Untiefen kommt endlich der Frühling, denke ich, und starre in den Regen. Juchu, endlich Outdoortraining, dachte ich vor 2 Wochen und wurde wieder krank, nach dem geilen Turnier in Pilsen (CZ) mit 4 tüchtigen Mitstreitern von den Dresdner Deckeln. Das ganze Team in einem Auto, viele Pick-Ups, ne Menge Spielzeit, schlüpfrige Themen beim Abendessen, die zum Glück niemand der anwesenden Tschechen verstand - und natürlich: viel Wodka, wenig Schlaf.
Ging es im Leben nicht um die Balance? Richtig, nur manchmal muss man auch pendeln können...

Noch im Februar war mein Alltag mehr beherrscht von Frustration, was nicht zuletzt am Wetter, aber vor allem am Staat lag, so wurde mir doch n Job im Kindergarten zugesagt und ich jubelte, bis das Landesjugendamt in einem Geistesblitz entschied, ich dürfe das nicht machen, mein Abschluss (Dipl-Päd, Studienrichtung EW) gilt nicht. Trotz meiner Berufserfahrung. Trotz konkretem Stellenangebot. Trotz Fachkräftemangel. Das muss man nicht verstehen, ist auch ein bißchen wie mit nem ICE-Ticket in der RE-Bahn als Schwarzfahrer beschuldigt werden. Und falls je jemand behauptet, das Leben sei fair, dann soll der oder die mir was von den Drogen abgeben. Bis dahin erfreue ich mich am wiederentdeckten Zynismus und was witziges dabei herauskommt, wenn man Herz mit Arsch austauscht.
 
zB. nimmste beim Arschinfarkt was von der Firma Doppelarsch, hörst lieber nicht die Willdecker Arschbuben, denn die sind nicht der Schlüssel zu meinem Arsch. Aber arschlichen Glückwunsch, die beiden sind ein Arsch und eine Seele, solange sie niemanden den Arsch brechen. Im Februar war ich schon mal krank, aber ich hab mir an den Arsch gefasst und trotzdem meine Oma besucht, sonst hätte ihr der Arsch geblutet. Ein Arsch für Kinder hab ich auch, ein Arsch aus Gold quasi, aber im Kindergarten darf ich nicht arbeiten, da rutschte mir der Arsch in die Hose, denn tief in meinem Arsch hatte ich geglaubt, das wird schon. Meinen Freunden hab ich meinen Arsch ausgeschüttet, denn die Absage tat mir im Arsch weh, und vom Arsch her gern waren sie für mich da, alle im Arsch jung geblieben und bereit mit mir meine Sorgen im Suff zu ertränken. Da fiel mir echt n Stein vom Arsch, aber ich wusste ja, auf meine Freunde kann ich mich verlassen! War ne sehr gute Geburtstagsparty in der Kota, arschallerliebst! [fäkelsprache ende]


Der März, der März, ist schon viel besser, schein Scherz!, nur ein schlechter Reim. Wie gesagt, frisbee-technisch läufts super, und ich begrüße zurück aufm Spielfeld: meine Rückhand! Mal sehen, was diese Saison alles geht, sowohl leistungstechnisch mixed und Damen, als auch mit den Leuten. Mir scheint ja, dass einige sich ein wenig zu ernst nehmen, und was hilft da am besten? Richtig, albernes tanzen. Eine Bollywood-Tanzeinlage, das wär doch ein Punkt fürs Trainingslager im April...
Außerdem hatte ich am Montag beschlossen bei meinen Eltern auszuziehen, obwohl noch kein Job in Aussicht, und obwohl wir uns überraschend gut verstehen, aber es ist zeit. Ich will schließlich jederzeit uneingeschränkt Besuch empfangen können, hab ja auch sonst nichts zu tun. Am Donnerstag hatten Linda und ich in ner coolen 4er-WG in der Neustadt beide ein Zimmer, ab April, mit Balkon und zwei Kerlen. Geile Scheiße!
Tja, die Arbeit, darüber muss ich mir jetzt auch keine Sorgen mehr machen, irgendwas wird sich schon auftun. Aber wenn der Staat nach so dämlichen Regeln spielt, muss ich mir auch nicht das Herz aufreißen. Oder wie sagt meine Mutsch so gern? Hartz 4 - und der Tag gehört dir!

Nach einigen guten, quasi jetzt schon legendären Abenden in der Neustadt steht die Stimmungsampel wieder auf grün, und ich höre mehr Musik als je zuvor, aber es gibt ja auch so wahnsinnig viel gute... Ich behaupte ja, dass regelmäßiges Musikhören die Lebensqualität deutlich erhöht, und gern trage ich meinen Teil dazu bei. Hier die neuen Kracher von KCRW, WERS und was Freunde mir so zugesteckt haben - NJOY!




1. Man Man - Head On (wake-up music)
2. Boy & Bear - Southern Sun (feels like I'm back in California...)
3. Jamestown Revival - California (the good ol' pop music, helping me through those dark february days)
4. Noisettes - Atticus [musical interuption]
5. Phil Beaudreau - Won't Get Away (typical get-through-the-day music)
6. Sam Roberts Band - Bridge To Nowhere (dito! and, Ohrwurm)
7. Garish - Ganz Paris (classical jewel to be heard on fm4)
8. Bombay Bicycle Club - Luna (liked this band ever since I heard 'Dust On The Ground')
9. Jose Gonzalez - Stay Alive (I don't think this guy is even able to make bad music)
10. Beck - Blue Moon (definitely the best song of his highly anticipated new album)
11. Tired Pony - All Things All At Once (for the bad days)
12. Basecamp - Smoke Filled Lungs (for the better days)
13. Dr. Dog - The Truth (simply hilarious)
14. Jonathan Wilson - Cecil Taylor (is it Fleetwood Mac? of Jethro Tull? no, but good try)
15. Joan As Policewoman - Holy City [half time]
16. Jacob Banks - Yolo (good beats make you listen twice)
17. Fat Freddy's Drop - Clean The House (great sound from NZ, listen to the whole album!)
18. Big Data - Dangerous (how I love this timeless and yet so current bass)
19. Klingande - Jubel (before I knew the bad hipster video, I danced to this in Pilsen)
20. The 2 Bears - Get Together (classical KCRW song, great and yet undiscovered)
21. Portland - Deezy Daisy (yeah, I know... but it's a great beat!)
22. Andrew Ripp - Falling For The Beat (yet again, don't think about it, just listen and keep driving)
23. Phoebe Killdear - The Fade Out Line (good to know there's still talent out there)
24. Girls In Hawaii - Not Dead (a male-only band from Belgium, interesting style)
25. BRNS - Here Dead He Lies (loved seeing them live, and there were only the support act)
26. White Denim - Pretty Green (as much rock as can be)
27. Devendra Banhart - Long Haired Child [funky nonsense title]
28. Arcade Fire - Afterlife (what I believe is their best track of their highly antici...blabla)
29. Wild Cub - Thunder Clatter (reminds me of percussion gun by the white rabbits, maybe a theme?)
30. Chela - Romanticise (thank god it's friday! or at least feels like it...)


Dienstag, 28. Januar 2014

die deutsche depression



montag, nach dem turnier. das wetter ist so richtig scheiße für januar. fühle mich erschöpft und niedergeschlagen. sollte mal ein paar bewerbungen schreiben, aber ohne motivation wird das nichts. und hartz 4 als non-statussymbol hat keinen großen schrecken für mich, obwohl ich erschreckt feststelle, wie schnell der minderwertigkeitskomplex über die nichtproduktivität einsetzt. faszinierend wie sich die parameter der beurteilung ändern, bin doch die gleiche person wie vor ein paar monaten... besuch bei oma ist genauso schön wie ernüchternd angesichts der tatsache, dass ich der verbitterung des alters nichts entgegen halten kann. nichts schmerzt mehr als verpasste momente, lese ich in den müden augen unter der dauerwelle. wieder daheim, aufräumen und entsorgen alter briefe an sämtliche verflossene liebschaften, s., b., r., k. usw., das geräusch des schredders bringt böse genugtuung, der trotz will die verlorene lebenszeit zurück.

dienstag, wieder aufwachen und gleich wieder einschlafen wollen. träumen von turnkünsten und verlorenen mützen, draußen regen. suche nach stellen im internet, bin so erfolgreich wie sonntags einkaufen zu wollen. gleichzeitig bringeschuld gegenüber des amts, dabei habe ich noch keinen cent erhalten. der turm der bürokratie scheint vor meinen augen zu wachsen. apropos augen, meine brille zerbricht zum 5. oder 6. mal und von den kontaktlinsen sind nur noch 1,5 im behälter. hm, war ich wohl am sa nacht doch zu betrunken gewesen... aber so: endlich motivation neue brille zu kaufen, natürlich im kleinen laden um die ecke mit den ehrlich engagierten verkäufern. ergattere das günstige modell für über 300euro, ohne meine eltern und ihr weihnachtsgeld wär ich wohl blind.

mittwoch, habe längst aufgegeben, einen wecker zu stellen wenn ich nicht aufstehen muss. immerhin komme ich diesmal schneller aus dem bett, und dann die überraschung: schnee! bin viel motivierter und schreibe zwei bewerbungen auf stellen, die ich tatsächlich antreten will. dann restenergie nutzen um eingepackte kisten auszuräumen und unnötiges (was eigentlich 80% meines besitzes sind) wegzuschmeißen. stoße auf alte sz-magazine über gerechtigkeit in deutschland und erfahrungsberichte über rassismus, was wieder mehr fragen aufwirft als ich mir in meiner eh zu entmutigten verfassung leisten kann, vor allem: was will ich hier? nachts entdecke ich neue großartige musik, und der vollmond bringt mich zum träumen aber nicht auf dumme gedanken, selbst in der fantasie bewahre ich mir einen rest realismus

donnerstag, wache eine minute vorm weckerklingeln auf und blicke gleichzeitig einer großen erwartung und der dahinter wartenden resignation ins gesicht. hört das denn nie auf? na gibt ja genug zu tun. frage mich kurz, welcher tag heut ist und ob ich etwa termine hab, antwort: scheiß-donnerstag, und nein. nichts außer den tag rumkriegen, gründe finden um nicht vor die tür gehen zu müssen, gedankenverloren musik hören, pläne machen und verwerfen, in die gänge kommen, pakete fürs ganze haus entgegen nehmen, emails checken, über den sinn meines lebens sinnieren, hörbücher hören, filme gucken, gründe finden um vor die tür zu gehen, essen kochen, ausreden für den nicht-auffindenbaren sinn meines lebens finden, und schließlich den abend damit verbringen, den tag möglichst schnell wieder zu vergessen.

freitag, juchu, endlich...! was zur hölle, schon wieder ne woche rum? die to-do-liste der woche, die aus drei punkten bestand, ist völlig unangerührt, aber ich kümmere mich sofort darum. gleich nachdem ich gecheckt hab, ob die flüge nach hawaii wieder günstiger geworden sind und ob die neue großartige band auch in meiner nähe ein konzert gibt. und pläne fürs wochenende müssen gemacht werden: 1. dresdner bars in kategorien "muss ich mal wieder hin" und "war ich noch nicht" einteilen, 2. bank ausrauben, 3. ausschlafen. immerhin, heute ist frisbeetraining, wobei sich herausstellt, dass fehlende fitness sich vor allem in nicht-fangen äußert... anschließend besuch in der neustadt in beiden kategorien (wenn man dönerläden mitzählt), da weiß man, was man vermisst hat!

samstag, hatte die woche eigentlich schon immer sieben tage? wieviele monate noch bis frühling? boah, bin ich müde! hey, wo ist der schnee hin? immerhin, sonne scheint. erstmal schön frühstücken mit Mutsch, dann auf nach radebeul, tante und onkel beim packen helfen. 'na du alter sack!', begrüße ich, 'sack-se, wenn ich bitten darf!' tönt es auf sächsich zurück. touché! wickle unzählige gläser in zeitungspapier und denke, oh wie schön einfach anderen zu helfen ohne eine einzige erwartung dabei, fühlt sich so... sinnvoll an. außerdem, ich mag meine familie. die ganze sentimentalität auf der reise war damit vollkommen gerechtfertigt.

sonntag, jaja, endlich ausschlafen, die woche war ja anstrengend. so langsam brökelt der putz an den wänden meines selbstmitleids, wann hatte ich nochma unbewusst beschlossen so durchzuhängen? manche sagen ja, man muss erst ganz tief sinken bevor es wieder bergauf geht, andere nennen es 'montag kommt bald'. solange ich mit meiner anderen arbeitslosen freundin auch an nem sonntag-abend nach dem gemütlichen kaffee auch noch ne bierorgie feiern kann, juckt mich das nicht. ganz am ende kommt doch der lichtblick, der große spaß, loslassen, lachen, lange nicht nachdenken. auch wenn in hawaii keiner ans telefon geht, ist dieser tag doch als 'positiv' im gedächtnis gespeichert, allein weil ich mich endlich getraut hab anzurufen.

tja, der wochenrückblick, klingt alles nicht so wunderschön, aber ehrlichkeit lässt sich schwer wieder verlernen. außerdem: umso schlimmer die winterdepression, desto schöner der frühling! und immernoch lieber leiden als leider nichts mehr lieben! anfangs wars echt gut wieder da zu sein, dann wars mist und so langsam wirds wieder. merkwürdiges gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben, gleichzeitig beruhigend und beunruhigend. die gewohnheit wirds richten, und die intensive auseinandersetzung mit dem inneren gefühlschaos wird sich am ende eh wieder als notwendige metamorphose herausstellen, also kein grund zur sorge. wobei sorgen mach ich mir kaum mehr, das ist ja so mitt-zwanziger (und hat sich außerdem erledigt als 2012 die welt doch nicht unterging)!
und nächstes mal gibts gute musik, sehr gute sogar. hui, jetzt bin ich selbst gespannt!


Mittwoch, 15. Januar 2014

neues aus der spielewelt

08.01.
Ich habe bereits Ende des letzten Jahres, kurz nach meiner Rückkehr nach Deutschland, ein neues Game angefangen, das mich seitdem viele Stunden meines arbeitslosen Daseins beschäftigt hält. Einige kennen es vielleicht, es ist eine Art Jump-n-Run, bei der man durch mehrere Level kommen muss um am Ende den Goldschatz zu erhalten, ich nenne es "Pirates of Hartz 4: Fluch der fehlenden Unterlagen".
Das Spiel erscheint am Anfang recht simpel angesichts der Anforderungen der Antragstellung, wird aber im Verlauf immer schwieriger, wenn plötzlich neue Regeln hinzukommen oder das Ereignis 'Würfel' eintritt. Dabei handelt es sich um den Glücksmoment des im Spiel zugewiesenen Sacharbeiters: je nachdem wie der dann würfelt muss man das Level wiederholen oder nicht. Beim ersten Mal hatte ich tatsächlich Glück, ein Mitarbeiter des Jobcenters hat mir auch ohne Meldebescheinung den Antrag (!) für Alg II ausgehändigt, für Alg I musste ich nochmal wiederkommen. Was mich direkt zum Gegner 'Langeweile' führte, gegen welchen ich 2.5 Stunden kämpfen musste bis ich zum Dokument vorgelassen wurde, bewaffnet mit MP3-Player und Roman, jedoch war es mittags und meine Lebensenergie schwand durch Ernährungsmangel. Ich war unzureichend vorbereitet auf Grund fehlender Erfahrung, wer hätte gedacht, dass 1. die jeweiligen Alg's von zwei verschiedenen Behörden verteilt werden? Und 2., dass man allein um einen Antrag nur mitzunehmen so lange warten muss und Terminvergabe nicht möglich ist? Na, ich jedenfalls nicht.
Am Dienstag absolvierte ich erfolgreich Level 2 beim Erstgespräch zur Arbeitsvermittlung, und da die Betreuerin vor allem Behördendeutsch sprach, konnte ich für den Spielwortschatz folgende goldene Vokabeln sammeln: ortsabwesend (man muss alle Tage und Nächte außer Haus -außer Sonntags- melden und hat dafür 21 Tage im Jahr), Bedarfsgemeinschaft (bei mehreren Spielern), Vermittlungsgutschein (Cheat um Level zu überspringen oder Spiel zu beenden) und Arbeitsanbahnung (Spielende). Jetzt muss ich noch online mein Profil bearbeiten um potentielle Arbeitgeber anzulocken, denn man will ja nicht ewig spielen...
Natürlich versuche ich erstmal den Hauptgegner 'Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch' zu bezwingen, dazu wurden bereits Freunde und Eltern zum Mitspielen eingeladen und wir werden heute abend eine gemütliche Runde Papierkram erledigen. Eventuell werden dazu die Spielerweiterung 'Schokolade' oder 'Alkohol' benötigt, um das frühzeitige Ausscheiden von Mitspielern zu verhindern. Morgen muss ich dann Level 3 antreten und das Ergebnis auf dem Amt vorlegen, wobei ich hoffentlich wieder beim Würfeln Glück habe und spätestens in ein oder zwei Monaten Goldmünzen erhalte.

13.1.
Heiliger Bimmelbammel! Nun reden wir über ein anderes Spiel, das ich wesentlich lieber zocke: Ultimate Frisbee. Am Wochenende war das berühmt-berüchtigte Stollen-Turnier in Dresden, bei welchem die Spiele bis Mitternacht gehen und man so viele Stollenreste essen kann, bis jegliche "distance/ disc space" calls absurd werden. Ilmenau hatte mal wieder Frauenmangel, also half ich da aus, Ergebnis: coole talentierte Truppe landet auf Platz 10. Außerdem, Prämiere! Da ja ein Team nicht reicht, habe ich durch Lakritzehassen bei den Drehst'n Deckeln I.G.L. einen Posten als semi-durchlässige Membran ergattern können, also Defence besser als Offence, aber wer kann gegen das Licht schon Gegner von Mitspielern unterscheiden? Ergebnis: selbst Bardienst als professionell Betrunkene können uns vom dritten Platz nicht abhalten. Dank dem DJ hab ich auch rausgefunden, was ich in den Nachtstunden zwischen Bar und Bett getrieben hab (nein, ich war nicht eine von denen oben ohne im Fotoautomaten): lallend ein Lied verlangt und dann neben der Tanzfläche eingeschlafen. Scheiße, ich bin zu alt für so viel Spaß! Aber vielleicht hatte es auch damit zu tun, wie ich von meinen neuen netten Deckel-Freunden ins Beerrace getrickst und damit zur saufenden Prinzessin wurde.
Und nun seid nicht neidisch, wenn ihr nicht versteht, worum es geht, kommt das nächste mal lieber vorbei und ich werf ne Scheibe mit euch! Die nächste Chance ist im Sommer.




Freitag, 3. Januar 2014

tschüß niveau, bis montag!

Geile Scheiße, ein neues Jahr! Und ich bin wieder da, ja wo gibts denn sowas? Habe ich es doch tatsächlich im Zug durch Indien geschafft, entlang der Berge in Nepal, mit dem Moped im Norden Thailands, mit Bus und Rikshaw zu den Tempeln Kambodschas und einmal quer durch Vietnam, entspannt auf der Insel auf der Insel in Indonesien, zwischen zwei kleinen Abstechern nach Singapur in Malaysia gewesen, dann bin ich tatsächlich nach Amerika geflogen, Ostküste, Westküste, eine Woche Kanada, dann trieb der Winter mich spontan nach Hawaii, am Ende dann gings zurück nach Vermont, dann war das Jahr auch schon rum und ich zurück in Frankfurt. Hätte Weihnachten und die damit verbundene Vorstellung von einträchtiger Familien-Zusammenkunft nicht eine derart magnetische Wirkung auf mich gehabt, wäre ich wohl noch ewig auf Hawaii geblieben. Zumindest bis zum Ende meines Visums.

Wer diese Geschichte nicht glaubt, kann einiges nachlesen oder die bunten Stempel in einem Pass ansehen, gerade für Europäer eine tolle Abwechslung. Wobei ja dieser Teil der Reise saunervig war, mit all den Visa, es heißt nicht umsonst "Grenzen überwinden", aber man lernt geduldig zu sein, immer lächeln und nicken, mehr erzählen als der Grenzbeamte wissen wollte, so bin ich ohne Rückfahrkarte und extra-Visum nach Kanada gekommen. Und jetzt also wieder daheim. Toll. Wirklich, das darf jetzt nicht zu sarkastisch aufgefasst werden, schließlich hatte ich einiges an Deutschland vermisst!
Wo sonst gibt es so viel gutes und günstiges Bier, bequem zugänglich im Supermarkt oder in der Trinkhalle um die Ecke, natürlich wird kein Ausweis verlangt. In Amerika liegen die Dinge anders, wer da Bier kaufen will kann zum doppelten Preis eine kleinere Flasche und nur gegen Vorlage eines Identitätsnachweises aller Anwesenden bekommen, und auch nur in größeren Supermärkten oder Spezialgeschäften. Es scheint mir, dass in Amerika, was ich wirklich zu lieben gelernt habe, eine Sache gewaltig schief läuft: Bier ist böse. Da kann ich nur fassungslos den Kopf schütteln, in Anbetracht der Freude die mir Alkohol bisher gebracht hat in meinem Leben, all die schönen Erinnerungen an die lustigen Zeiten im betrunkenen Zustand, und all der Schmerz über die anschließende Abwesenheit des Alkohols im Zuge der Ernüchterung... Um als junger Mensch sowas in Amerika zu erleben, wird man quasi in die Illegalität gezwungen.
Aber am meisten hab ich natürlich den deutschen Humor vermisst, nicht nur Freunde und Familie, Döner und die StVO, Rasenmähen im Frühjahr und Laubbläser im Herbst, Frisbeeturniere im Sommer und Glühwein im Winter. In anderen Ländern wird Sarkasmus schon fast als Beleidigung aufgefasst, ob man denn nicht den der Lage sei jemand gerade weg zu beschimpfen, da wären die Deutschen doch sonst eh direkt, warum also den weiten Umweg über den Sarkasmus gehen? Aber das ist ja das schöne! Wir wollen uns doch gar nicht wirklich beschweren, über die soziale Ungerechtigkeit, die Umweltverschmutzung, den drohenden Zusammenbruch des Finanzmarktes und der einhergehende Verlust von Ersparnissen, Anlagekapital und Rentenbeiträgen, stattdessen möchten wir nur etwas schimpfen. Im Grunde gehts den meisten von uns ja richtig gut, also nicht zu viel jammern, und wenn mit einem Augenzwinkern, denn alles ist bei Gott nicht schön, da kann man noch einiges verbessern, aber wer zwei Weltkriege angefangen und verloren hat, wird wohl doch irgendwann bescheidener. Am Ende bleibt einem ja auch nur der Sarkasmus, besser als verwzeifeln. Und Mitdenken ist auch gefordert, da kann ein einzelner Satz schon richtig anfordernd werden, quasi das Kopfquiz für den kleinen Mann. Überhaupt, wer noch im Angesicht des Sturms von Problemen den Degen des Sarkasmus schwingt, zersticht die Illusion des Unlösbaren, es hat etwas tröstendes. Und wer angesichts einer unausweichlichen Blamage mit einem trockenen Witz der Selbstironie den Hof macht, den bewundere ich in seiner Unverwundbarkeit. Sich selbst nicht so ernst nehmen, dem Facebook mal von hinten durch die Brust ins Auge mit einem: "Tschüß Niveau, bis Montag!"

Und bevor (mir) der Blick wieder nach vorn gerichtet wird, im Zweifelsfall von meinem Arbeitsvermittler persönlich, hier eine erste Liste mit Dingen der gesamten Reise, die ich vermissen werde:
Nur zwei Gepäckstücke zu besitzen und davon zu leben. Die warmen Temperaturen! Die freundlichen, offenen Menschen, die offene Neugierde. Die Ungewissheit, die Nicht-Planung, das Vorangetrieben werden. Die guten Radiosender. Musik als Kultur, als fester Bestandteil des Alltags. Fremde Sprachen, Missverständnisse, vor allem die die aufgeklärt wurden und für Erheiterung sorgten. Sterne, tausende und abermillionen Sterne. Inspirierenden Menschen begegnen. Fremde Leute fragen, ob ich mal ihr Handy benutzen darf. Wenig Zucker essen, wenig einkaufen, wenig Internet. Wenig Sorgen haben, mehr Freiheit, nichts tun MÜSSEN. Die günstige Krankenversicherung und sie nie benutzt zu haben, indisches Essen, thailändisches Essen, frische Früchte aus den Bäumen Hawaiis. Noramerikanische Autofahrer und ihre Geduld, Automatikfahrzeuge, Mopeds. Das Geräusch der Wellen am Strand, der nächtliche Duft der Blumen, bei Vollmond keine Taschenlampe zu benötigen. Die Einfachheit, das Grün, den ganzen Tag draußen sein. Wasserfälle und neben ihnen herunterrutschen oder -springen. Entscheidungen treffen, die den Verlauf des Tages ernsthaft beeinflussen können. Die Uhrzeit nicht wissen, oder das Datum. Trampen, Taxi fahren, den Vornamen des Taxifahrers kennen. Und zu guter Letzt, für heute: Gewitter in den Bergen, Hängematten und Trommelkreise.